Das Westfalen-Blatt in Bielefeld bespricht die CD "Canto spirituoso" von Nelly von Alven, 06.01.2016

Gitarristin Nelly von Alven legt beeindruckendes CD-Debüt vor

Von Uta J o s t w e r n e r

B i e l e f e l d (WB). Sie ist ein typisches »Gewächs« der Musik- und Kunstschule und ihrer hervorragenden Gitarristenausbildung. Nach professionellem Studium geht Nelly von Alven ihren ganz eigenen Weg, was sie mit einer beeindruckenden CD-Veröffentlichung unterstreicht.
Für ihr CD-Debüt wählte die 25-Jährige nicht etwa die beliebten Klassiker der Gitarrenmusik aus, sondern entschied sich für zeitgenössische Originalkompositionen für Gitarre, die für das Gros des Publikums noch zu entdecken sind.

Canto spDie Bielefelder Gitarristin hat ein beeindruckendes CD-Debüt vorgelegt mit ausschließlich zeitgenössischen Stücken für Gitarre, darunter auch drei kleine Eigenkompositionen. Die CD kann auf der Homepage der Künstlerin bestellt werden.

Einzig der Komponist Mario Castelnuovo-Tedesco wird wohl einem breiteren Publikum bekannt sein. Mit seiner von Tempowechseln und schnellen Läufen geprägte Suite op. 133 beschließt von Alven in makelloser Technik und Temperament ihr CD-Debüt, wobei die gebürtige Bielefelderin auch selbst mit »Three Memories« als Komponistin in Erscheinung tritt.

Für die Einspielung wurden Werke mit melancholisch-nachdenklicher Stimmung ausgewählt, die bisweilen im Kontrast mit einem impulsiv-temperamentvollen Gestus stehen. Rossen Balkanskis Eröffnungswerk »Canto spirituoso«, gleichsam geistiger oder auch belebter feuriger Gesang, vereint diese Emotionen auf besondere Weise miteinander.

Die Werke des bulgarischen Gitarristen Rossen Balkanski, Jahrgang 1968, erfreuen sich inzwischen auch außerhalb Osteuropas immer größerer Beliebtheit. Seine Musik ist geprägt von den folkloristischen Klängen Bulgariens und des Balkans. Charakteristisch sind häufig ungerade Taktarten beziehungsweise Rhythmen. Nicht minder bedeutend sind seine lyrischen Musikstücke oder Melodien, die sich einerseits durch elegante Schlichtheit, aber gleichzeitig große Tiefe und Ernsthaftigkeit auszeichnen.

Im Fokus von Balkanskis »Nocturne« steht eine verträumte Melodie im 7/8 Takt, die im Wechsel mit einem schnelleren Teil steht. Das Stück ist seiner Studentin Kristina gewidmet und zählt zu seinen meistgespielten Miniaturen.

Der aus Serbien stammende Gitarrist Miroslav Tadic, geboren 1959, schloss seine musikalische Ausbildung, nachdem er in Italien und Jugoslawien studiert hatte, in Los Angeles ab, wo er bis heute als Professor für Gitarre unterrichtet. Sein Repertoire reicht vom Barock bis hin zu Blues, Jazz und Weltmusik. Er komponierte zahlreiche Solo- und Kammermusikwerke, aber auch Filmmusiken. Das sehr populäre Volkslied »Macedonian Girl« handelt von der unvergleichlichen Schönheit mazedonischer Frauen. Die ebenso einfache, wie ergreifende Melodie des Liedes steht auch in Tadics Bearbeitung im Vordergrund, ist jedoch etwas komplexer gestaltet als im Original.

Als einer der erfolgreichsten brasilianischen Gitarristen und Komponisten der Gegenwart ist Sergio Assad, Jahrgang 1952, anzusehen. Das kurze Stück »Farewell« ist im Gegensatz zu vielen anderen Kompositionen Assads weder besonders virtuos noch sehr rhythmisch geprägt. Eine simple, doch berührende Melodie ist Grundlage der Komposition, die mit wenig auskommt, aber alles aussagt. Sie zeigt den Schmerz des Verlustes auf und wird von der Interpretin so einfühlsam wie behutsam umgesetzt.

Der Gitarrist und Komponist Simone Iannarelli, 1970 in Italien geboren, studierte in Rom und später in Paris klassische Gitarre. Zurzeit ist er Professor für Gitarre in Mexiko und konzertiert weltweit als Solist und im Duo mit Gesang oder Violine. Das Werk »Variazioni« wurde im Jahr 2000 in Paris komponiert und dem italienischen Gitarristen Carlo Domeniconi gewidmet. Das Stück trägt den Untertitel »en mémoire de S. Rachmaninow«. In seinem Variationswerk verwendet Iannarelli kein direktes Zitat, jedoch erinnert das Thema an Rachmaninows »Moments musicaux« Nr. 3 in h-Moll. Iannarelli gestaltet das Thema, ein Grave mit langen Notenwerten, sehr schlicht, aber mit enormer Wirkung: düster, fast wie ein »Tombeau« an den russischen Pianisten. Die folgenden Variationen sind von Charakter und Stimmung ähnlich atmosphärisch gehalten wie das Thema. Melodie und Klang stehen unentwegt im Mittelpunkt. Beinahe aggressiv stechen zwei schnelle Variationen heraus, die im Unterschied zu den restlichen Variationen sehr dissonant klingen. Die letzten, finalen Variationen erinnern wieder stark an einen Trauermarsch. Pulsartig, wie ein Herzschlag oder eine tickende Uhr durchziehen Tonrepetitionen diesen letzten Abschnitt. Sehr sphärisch, mit Flageoletts endend, verliert sich das Stück im Nichts.